Pflege ist mehr als nur ein Beruf – Mail an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Von: Sittart, Harald
Gesendet: Dienstag, 29. Januar 2019 16:40
An: '
jens.spahn@bundestag.de'
Betreff: Pflege ist mehr als ein Beruf

Sehr geehrter Herr Spahn,

Ihre Initiative "Pflege ist mehr als ein Beruf" und der dazu gehörige Film (
https://www.youtube.com/watch?v=__k_ay1L2Ro) ist vielleicht wohl gemeint und doch höchst fragwürdig. Ist denn nur ein Beruf für sich etwas Minderwertiges? Gehört es nicht zu jedem Beruf, dass man ihn mit einer gewissen Überzeugung und Leidenschaft betreibt? Ich verstehe schon, was Sie mit dieser Aussage bewirken wollten und interpretiere es mit einer Änderung so: "Pflege ist mehr als nur ein Job". Und dies ist für sich genommen sehr lobenswert. Und doch bleibt aber genau darin auch eine Perspektive stehen, die hochproblematisch ist. Der Film zeigt ja, dass Pflegekräfte nicht die sind, als die sie durch die vielen negativen Schlagzeilen leider dargestellt werden. Pflegende sind oft Menschen, die mit viel Engagement ihren Beruf ausüben, die für ihren Beruf brennen - und dann auch ausbrennen. Und die junge Pflegerin in diesem Film ist auf dem besten Wege dahin! Ihr Engagement ist eben mehr als nur ein Job, aber eben so sehr, dass sie in ihrer kostbaren Freizeit, sogar an Heilig Abend nichts besseres zu tun hat, als in die Berge zu fahren um für einen ansonsten sichtlich wohlversorgten Bewohner einen Schneeball zu holen. Wie lange wird sie mit diesem Engagement ihren Beruf noch ausüben? Letztlich ist das hoch unprofessionell weil sie nicht auch nach sich schaut. Wenn wir solche Pflegekräfte wollen und brauchen, dann müssen diese alle unverheiratet und kinderlos bleiben. Wenn diese junge Pflegerin aber verheiratet sein sollte oder gar Kinder hat und trotzdem an heilig Abend lieber in die Berge fährt als bei ihrer Familie zu sein, dann ist sie und ihre Familie und letztlich auch der Mann mit der Sehnsucht nach Schnee verloren! Dann sind wir wieder bei der berühmt berüchtigten Diakonisse die allzeit bereit demütig ihren Dienst für Gott und den Nächsten erbringt und ihre eigenen Bedürfnisse ganz hinten anstellt. Glauben Sie ernsthaft, dass dazu heute noch junge Menschen bereit sind? Ich hoffe sie sind es nicht, zu ihrem und der Bewohner/Patienten Wohl.
Der Film ist vielleicht gut gemeint, aber er benutzt letztlich genau die Ausbeutung, die die Pflege dahin gebracht hat, wo sie heute steht: Die Gutmütigkeit, Demut und Nächstenliebe der Pflegenden wird mit falscher Bewunderung für ihre Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft benutzt um die Pflegenden auszubeuten und an den Abgrund zu drängen. Dieser Film ist eigentlich eine schallende Ohrfeige für alle, die in der Pflege arbeiten. Das Schlimme: kaum jemand merkt's! Selbst viele der "geschlagenen" Pflegekräfte nicht, weil sie eben mit ihren hohen Erwartungen an sich selbst bei so einem Film noch ein schlechtes Gewissen bekommen und sich fragen, ob sie vielleicht zu wenig für ihre Patienten/Bewohner tun. Und das fatale Spiel geht deshalb immer so weiter.

Mal abgesehen davon: ist das wirklich das Problem in der Pflege, dass sich Bewohner/Patienten nach Schnee sehnen? Wie weltfremd, wie pflegefremd ist das denn!? Wie müssen doch junge Menschen, die nach so einem Film in diesen Beruf einsteigen wollen die bittere Erfahrung machen, dass Pflegende keine Zeit für Schneebälle haben, dass sie vielmehr kaum ausreichend Zeit haben, menschenwürdig all die "Bälle" zu beseitigen, die sie in den Inkontinenzmaterialien finden. Und dass sie diese Zeit auch nicht in ihrer wenigen und unsicheren Freizeit haben, weil sie da sehr bald nur noch erschöpft aufs Sofa oder ins Bett sinken.
Wenn man sich die Mühe macht, mal genauer und länger hin zu schauen, dann wird man sicher auf Begebenheiten stoßen, in denen Pflegekräfte tatsächlich heldenhafte, emotional berührende Leistungen schon bei ihrer alltäglichen Arbeit vollbringen. Zugegeben: das in einen Werbefilm ansprechend zu verpacken ist eine sehr große Herausforderung.

Ihr bisheriges Engagement, sehr geehrter Herr Spahn, schätze ich sehr. Kaum jemand hat sich zuvor so entschieden für eine Verbesserung in der Pflege eingesetzt. Aber leider sind wir immer noch weit, weit entfernt davon, dass sich der Pflegenotstand wirklich spürbar abwenden lässt. Und dazu braucht es eben einen scharfen, schmerzhaften Blick auf das Denken und die Strukturen in der Pflege und in unserer ganzen Gesellschaft und ein entsprechend mutiges Handeln. Ich wünsche Ihnen dazu viel Kraft und gute Ideen, gute Berater - und Geist von Oben!

Mit freundlichen Grüßen
Harald Sittart

Pflegedienstleitung

Diakonieverbund DORNAHOF & ERLACHER HÖHE e.V.
Soziale Heimstätte Erlach - Pflegeheim
Erlach 1
71577 Großerlach

Tel.: 07193/57-2410
Fax: 07193/57-2451
Mail:
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Internet:
www.erlacher-hoehe.de

Erlacher Höhe: Seit 125 Jahren aktiv für Menschen. Leben. Würde.

Leserbrief zum Klartext „Leiser Alarm“ in Katholisches Sonntagsblatt Nr. 34 • 25. August 2013

Vielen Dank für diesen Klartext, für die Aufmerksamkeit zu diesem Thema! Alles was hier gesagt wird, kann ich unterstreichen! Nur eins will ich noch anmerken: Die Qualität in der Pflege wird [vor allem] kaum allein dadurch verbessert, dass man sie mit fragwürdigen Messinstrumenten prüft, oder dadurch, dass Angehörige aufmerksamer werden, sondern wenn man auch bereit ist, die Voraussetzungen, die Ressourcen für Qualität zu schaffen, wenn man bereit ist, in Qualität zu investieren. Wie viel steckt denn zum Beispiel ein Autohersteller in die Entwicklung aber auch in die Ressourcen seiner Mitarbeiter um hochqualitative und sichere Autos zu bauen? Jeder sieht hier sofort die notwendigen Zusammenhänge und befürwortet die notwendigen Investitionen. Jeder, der [Wer] ein gutes Auto will, ist auch bereit dafür den Preis zu zahlen. Was aber ist mit der Pflege? Reformen bleiben in Schubladen, gerechte Löhne werden hart be- oder umkämpft. Die soziale Ader, die Aufopferungsbereitschaft der Pflegenden wird bis aufs Blut ausgenutzt. Menschen, die man sonst nirgends mehr auf dem Arbeitsmarkt haben will, werden in die Pflegeberufe gedrängt – egal ob motiviert und geeignet oder nicht (paradoxer Weise will man aber die Pflegefachkräfte akademisieren!). Viele verdienen mit einem Vollzeitjob kaum genug zum Leben, viele haben notgedrungen mehrere sich teils gegenseitig behindernde Teilzeitjobs um sich über Wasser halten zu können. Das alles bei einer fast nicht mehr auszuhaltenden Arbeitsbelastung! Wir in der Pflege sind schon lange „Bahnhof Mainz“. Wenn sich hier nicht bald etwas ändert, dann wird es eine Katastrophe geben, neben der die Bahnhofstragödie nur wie eine Komödie erscheint. Und diese Katastrophe ist dann nicht mit dem Ende der Urlaubszeit behoben. Nein, weil dann nämlich auch die stärksten Pflegekräfte nicht mehr alles auffangen können. Dann wird die ganze Pflege wie in einer unaufhaltbaren Kettenreaktion, wie ein Kartenhaus zusammenbrechen und es wird nichts mehr übrig bleiben weil dann niemand (NIEMAND!) mehr da ist, der die Arbeit weiter macht. Aber auch dann wird sich höchstwahrscheinlich niemand wirklich für die wahren Gründe interessieren sondern die Schuld wieder mal nur bei den Pflegekräften suchen. Denn die sind es ja, die die falschen Medikamente geben haben, die einen Bewohner vergessen haben, etc. etc. Dass diese Fehler Menschen passieren, die alle mal hoch motiviert in diese Pflegeberufe gestartet sind, nun aber vor lauter Not nicht mehr wissen, was sie denn als nächstes tun sollen um noch schlimmeres zu verhindern, dass dies Menschen passiert, die nicht mehr wissen wo ihnen der Kopf steht, die zuhause noch im Schlaf, in ihren Träumen weiterarbeiten und nacharbeiten was sie im Wachzustand nicht mehr fertig gebracht haben, das will niemand wissen! Ich wünsche mir, dass unsere Kirchen statt sich um sich selbst zu drehen, endlich ihre gesellschaftliche, christliche und auch arbeitgeberische Verantwortung wahrnehmen und hier schnellstmöglich aktiv werden und dieses Thema in Gesellschaft und Politik mit unerbittlichem Nachdruck auf den Tisch bringen. Diakon Harald Sittart, Pflegedienstleiter in einem Pflegeheim. Anmerkung: Veröffentlicht in: Katholisches Sonntagsblatt Nr. 36 • 8. September 2013 Kursiv und grau gedruckt: von der Redaktion gekürzt, in []-Klammern gesetztes: von der Redaktion hinzugefügt.