Diakonat

Artikel im Werkbrief 1/2019 der Stefanus-Gemeinschaft

Der Diakon - im Zivilberuf


Versuch einer Beschreibung

Dies ist tatsächlich ein Versuch einer Beschreibung. Zum einen, weil der Diakonat nach dem Apostelamt zwar das erste Amt der Kirche ist, aber trotzdem nach über zweitausend Jahren aufgrund seiner wechselvollen Geschichte sehr „jung“ geblieben und noch dabei ist, „erwachsen“ zu werden – also herauszufinden, was er ist um sich dann dahin zu entwickeln. Zum anderen, weil ich nicht als ausgewiesener Theologe, Kirchenlehrer oder Kirchengeschichtler mit dem entsprechenden Hintergrundwissen schreibe, sondern einfach aus dem heraus, was sich mir durch Ausbildung und Weihe, durch eigenes Erleben und Erfahren erschließt.

Von den ersten sieben Diakonen zu den ständigen Diakonen mit Zivilberuf

Es ist viel geschrieben über den Diakonat, von der Apostelgeschichte über die Konzilstexte bis zu Arbeiten heutiger Fachleute. Hier sei nur kurz auf die Historie verwiesen: die ersten sieben Diakone wurden schon bald von den Aposteln (Apg 6,1-7) durch Handauflegung zu ihrem Dienst geweiht. Sie sollten sich um die Witwen der Helenisten kümmern. Denn die Apostel konnten aufgrund ihrer wachsenden Gemeinden dieser Fürsorgepflicht nicht mehr ausreichend nachkommen. Wohl bekanntester Diakon ist einer dieser sieben, Stephanus, erster Märtyrer. Nachdem später auch das Priesteramt begründet wurde, geriet der Diakonat nur noch zu einer Durchgangsstufe auf dem Weg zur Priesterweihe. Mit dem II. Vatikanischen Konzil wurde der Diakonat wieder als eigenständiges Amt der Kirche gestärkt. Ganz bewusst sollten nun Männer mit Beruf und Familie zu Diakonen geweiht werden um durch sie als Kirche in der Welt präsent zu sein.

Vom Diakon mit Zivilberuf zum Diakon im Zivilberuf

Ursprünglich nannte man nach dem II. Vatikanischen Konzil die nicht hauptberuflich tätigen Diakone zur Unterscheidung Diakone
mit Zivilberuf – weil sie eben ihr täglich Brot mit einer zivilen Arbeit verdienten. Doch mit den wachsenden Erfahrungen dieses Amtes und dem wachsenden Selbstverständnis der Diakone wurde immer mehr von der Bezeichnung mit zum im gewechselt. Anfänglich noch zum Argwohn mancher Bischöfe und Priester. Die Sorge war und ist, dass die Diakone nicht mehr die Gemeinde als ihr Aufgabenfeld sehen. Aber das war ja auch gar nicht die Intention des II. Vatikanischen Konzils, im Gegenteil, man wollte gerade den Diakon draußen in der Welt. Er sollte dort leben und arbeiten, nicht um so sein Geld zu verdienen sondern um unter und mit den Menschen und ihren Lebenswirklichkeiten zu sein.

Bisher redete man auch vom Diakon als dem Diener, „dem, der durch den Staub geht“. Staub wurde gleichgesetzt mit den Armen. Der Diakon dient den Armen – im Staub. Neuere Forschungen (1) übersetzen aber den Begriff Diakon eher mit Boten. Boten müssen auch durch den Staub. Aber sie sind zuerst Boten und die Empfänger sind nicht unbedingt die klassischen Armen im Staub. Armut stellt sich heute nicht mehr nur plakativ im Bild des Bettlers am Straßenrand dar. Sie ist heute oft unsichtbar, trifft unterschiedlichste Menschen in unterschiedlichster Weise. Armut ist nicht nur materiell! Gerade darin liegt die Chance des Diakons der in der Welt lebt und arbeitet, er entdeckt oft besser versteckte Armut. Er ist dort, wo Menschen ihren Alltag mit allem Guten und auch allen Formen von „Armut“ leben müssen. Er ist, wo christlicher Glaube konkret gefordert, angefragt, gar angegriffen wird. In unserer zunehmend areligiösen westlichen Welt ist es neben dem Dienst für die Armen wieder zunehmend wichtigste Aufgabe eines Diakons Zeugnis zu geben für das Evangelium. Gerade wegen seines Zeugnisses ist Stephanus gesteinigt und somit als Heiliger bekannt geworden.

Diese Aufgabe und das Amt des Diakons ist aber heutzutage wieder
in Gefahr. Angesichts des Priestermangels überlegt man, ob ständige Diakone zu Priestern geweiht werden könnten (viri probati). Die Not ist verständlich. Aber zu welchem Preis? Zum anderen droht der Stand des Diakons als geweihtem Amtsträger an Bedeutung zu verlieren. Das Verständnis für das geweihte Amt sinkt. Mancher will z.B. die Stärkung der Laien und auch die Öffnung des Amtes bezgl. der Geschlechterfrage. Es wird immer mehr gefragt, ob es heute noch überhaupt das geweihte Amt, geschweige denn den Diakonat braucht.

Um dem zu begegnen, möchte ich in die Zeit des ersten Testamentes zurück schauen: dort waren die Leviten für den Dienst an den Heiligtümern, das Zelt und den Altar bestimmt. Die Kohanim waren Leviten, die im Zelt am Altar dienten, dort das Opfer dar brachten. Die anderen Leviten waren für alles Geschehen um das Heilige Zelt herum verantwortlich und bildeten so auch eine Brücke zwischen dem Israelitischen Volk und dem Geschehen am Altar. Es geht um zwei unterschiedliche Ausrichtungen. Beide Ausrichtungen gehen aber vom Opfer her aus, die eine zu Gott hin, die andere zu den Menschen hin. Beide immer verbunden mit dem Opfer. Im Christentum ist dann an die Stelle dieses Opfers ja Christus getreten! Der Priester ist in der Eucharistie zu Gott hin gerichtet. Er repräsentiert den Christus der das Opfer – sich selbst – darbringt. Der Diakon aber hat seinen Standpunkt ebenso in diesem Christus und wendet sich als dem dienenden Christus von dort den Menschen zu. Es braucht beide sakramentalen, geweihten Ämter: den Blick des Priesters nach „oben“ zu Gott und den Blick des Diakons nach „unten“ zu den Menschen. Der Dienst eines Diakons ist also einerseits ein anderer, ein Brücken- ein Botendienst, andererseits ein vom Stand her gleicher wie der des Priesters weil sakramental, weil von Christus aus. Was wäre die Kirche ohne den dienenden Christus?

Draußen in der Welt das zur Wirkung bringen, was im Zelt, in der Kirche seinen Ausgang hat. Dies kann der Diakon nur in Verbindung zum Heiligsten – Christus. Ein Diakon steht also einerseits als Geweihter am Altar, andererseits auch als Geweihter mitten unter den Menschen. Die Verbindung zu den Menschen soll davon leben, dass der Diakon das Heilswirken Gottes den Menschen erfahrbar macht.

Dass er also dort steht, wo die Menschen sind, ist sein Auftrag, sein Ort. Somit ist der Zivilberuf ein wesentlicher Ort, eine Möglichkeit um unter den Menschen zu sein, ein weiterer Ort ist die Familie, auch z.B. ein Verein. Ja überall, wo Menschen zusammen leben, kann der Ort des Diakons sein.

Unrein und Rein – Unheil und Heil

Nochmal ein Blick auf die Israeliten. Eine Sorge des Jüdischen Volkes war, sich nicht unrein zu machen. Denn oft bestand in der Unreinheit die Gefahr zu erkranken. Viele Reinheitsgebote hatten diesen einfachen Grund. Das Unreine verunreinigt das Reine. Jesus hat dies umgekehrt. Er hat seinen Ursprung in Gott, mit ihm gelangt das Göttliche in diese Welt. Die Reinheit Gottes wird nicht etwa beschmutzt, nein die Reinheit Gottes dreht den Spieß um, sie verdrängt die Unreinheit. Darum hat Jesus geheilt! ER hat damit die Unreinheit zurück gedrängt, ja besiegt. (2)

Warum ist dies wichtig im Blick auf den Diakonat? Der Diakon steht immer wieder in der Spannung, unter anderem durch seine Anbindung an Familie und Beruf nur ein „halber Geweihter“ zu sein. Das drückt sich schon darin aus, dass er keine ihm eigene Aufgabe hat, die also nicht entweder einerseits ein Priester oder andererseits ein Laie tun könnte. Der Diakon droht, sich entweder im Priesterlichen oder im Weltlichen aufzulösen oder von diesen verdrängt zu werden. Wenn wir aber den Vergleich mit Unrein und Rein betrachten, wenn wir dabei Jesu Wirken in den Blick nehmen, dann sehen wir, dass der Diakon eben nicht in der Welt oder auch im Zelt verloren gehen kann. Im Gegenteil, er reinigt, er heiligt die Welt und er erdet das Zelt. Er verankert den Himmel mit der Erde.

Meine Erfahrungen

Nach unserer Weihe hatten wir zur Berufseinführung Supervision. Eine Frage der Supervisorin ist mir bis heute geblieben: „Woran erkennen die Menschen, dass Sie Diakon sind? Wie wird das öffentlich, sichtbar?“.
Das ist der Unterschied zu den anderen Pastoralen Berufen und dem, was sie tun: dort steht immer ein Name, ein Plakat, ein Flyer, ein Programm etc. über allem. Alles ist in eine Struktur eingebunden. Diese Struktur wird heutzutage immer mehr zu einer Parallelstruktur in der Lebenswelt der Menschen. Wenn jemand in seiner Trauer Trost braucht, nimmt er sich geplant Zeit und geht an einem bestimmten Tag in eine Trauergruppe. Wenn jemand mit anderen über die Bibel und deren Bedeutung für sein Alltagsleben, seine Arbeit reden will, dann geht dieser ebenso geplant in eine Bibelteilengruppe. Wenn jemand zum Glauben und zu den Sakramenten hingeführt werden will, geht er in eine Katechese-Gruppe, zum Tauf-, Kommunion-, Firm- oder Ehevorbereitungskurs.

Als Diakon brauche ich diese Namen, Plakate, Flyer oder Programme nicht. Trauer und Trost findet während dem gemeinsamen Arbeiten und Leben statt. Reden über den Glauben findet „just in time“ am Arbeitsplatz in einer Pause oder aber auch z.B. in einer ethischen Fallbesprechung im Pflegeteam statt. Katechese kommt aus heiterem Himmel, wenn sich Kollegen über Kirchensteuer aufregen oder über ihre Sorgen mit ihren Kindern reden. Barmherzigkeit findet statt, wenn ich einem Mitarbeiter mit privaten Problemen am Arbeitsplatz Verständnis und solidarische Entlastung anbiete. Rettung aus oder Vermeidung von Armut findet statt, wenn ich als Pflegedienstleiter mich so für einen Mitarbeiter einsetze, dass trotz Bedenken seitens der Heimleitung sein Arbeitsvertrag verlängert und schließlich gar entfristet wird und er so seinen Beruf doch noch die wenigen Jahre bis zur Rente ausüben kann. Frieden stiften findet statt, wenn ich versuche, ein Team darin zu bestärken, einander auszuhalten und sogar Chancen im Anderen, vermeintlich schwächeren zu erkennen.
Und wenn es um die pflegerische Versorgung Offener Beine geht, kann dies sakramentale Dimensionen bekommen. Denn vielleicht erkennt der Patient in dem Tun, weil es ein Christ, ein Diakon kniend vor dem Patienten tut, nicht nur eine medizinisch-pflegerische Handlung sondern einen Dienst in der Stellvertretung Christi. Nie vergessen werde ich die wirklich tägliche Frage eines Bewohners, ob er in den Himmel komme – ich habe ihm dies genauso täglich zugesagt.

Eine für mich schlüsselhafte Erfahrung machte ich, als ich, kaum geweiht, die Ausbildung zum Altenpfleger begann. Ich saß in einer Klasse mit SchülerInnen unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichster Herkunft. Neben mir saß ein ehemaliger evangelischer Diakon, noch Notar und zukünftig Altenpfleger. Er war nicht nur aufgrund seines Berufes als Notar ein Mensch, der alles etwas genauer und strenger sah. Eines Tages bemerkte verwundert eine junge Mitschülerin, dass ja gar nicht mein Nebensitzer sondern ich der katholische Diakon bin. Sie dachte bis dahin, mein Nebensitzer sei aufgrund seiner Strenge der katholische und ich aufgrund meiner lockeren Art der evangelische Diakon. Dieses Erlebnis wiederholt sich in ähnlicher Weise immer wieder und steht dafür, dass ich als Diakon zwar durch mein Kreuz an meiner Jacke oder gar mein Erzählen als katholischer Diakon erkennbar bin, aber durch mein Sein, durch meine Art des Umgangs und des Lebens viele immer wieder neu positiv überrasche. Und immer mehr erkenne ich, dass ich niemanden durch Bekehrungsversuche von meinem Glauben überzeugen kann, dass ich aber durch meine Art, durch mein Handeln vermitteln kann, dass ich von dem was ich glaube, glaubhaft überzeugt bin. Und dieses überzeugt Menschen – von mir. Dadurch können manche Vorurteile, Mauern, manche Hemmschwellen abgebaut werden, wird das Evangelium ganz alltäglich erfahrbar. In der Weiheliturgie spricht der Bischof zum neugeweihten Diakon. "Empfange das Evangelium Christi: Zu seiner Verkündigung bist Du bestellt. Was Du liest, ergreife im Glauben; was du glaubst, das verkünde, und was du verkündest, das erfülle mit Leben."

Zur Person
Harald Sittart, 53 Jahre alt, verheiratet, 5 Kinder. Gelernter Bauzeichner und Grafiker. Über 11 Jahre Selbständigkeit als Grafiker. Nebenberufliches Studium „Theologie im Fernkurs“ und Ausbildung zum Diakon. Weihe zum Diakon am 18.05.2002 in Untermarchtal. Seit 2002 Diakon im Zivilberuf in der Kirchengemeinde St.Maria, Murrhardt. 2002 bis 2005 Ausbildung zum Altenpfleger. Seit November 2005 Altenpfleger und seit Juni 2012 Pflegedienstleiter im Pflegeheim der Erlacher Höhe.

Literatur:

1) Anni Hentschel
Gemeinde,
Ämter, Dienste
Perspektiven zur neutestamentlichen Ekklesiologie
(Biblisch-Theologische Studien, 136)
Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2013. 264 S. €39,00
ISBN 978-3-7887-2683-6

2) Klaus Berger
Wer war Jesus wirklich?
Quell Verlag Stuttgart 1995, 230 S.
ISBN 3-7918-1950-X

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Dieser Beitrag erschien im Werkbrief der Stefanus-Gemeinschaft:
Stefanus
Aktiv in Kirche und Welt
Werkbrief für tätige Christen in Kirche und Welt
ISSN 1862-2542
71. Jahrgang
Februar/März
1/2019
B 1119

Diakon - Liturgischer Kleiderständer II

Manch ein Priester meint, er brauche keinen Diakon an seiner Seite. Entweder weil er alles auch selber machen kann (er ist ja immer auch noch selbst Diakon) und/oder alles dann einfacher ist und/oder weil sonst sich die Gemeinde beschwert weil zu viele Männer am Altar stehen ... und deshalb/oder weil der Diakon ja nur ein liturgischer Kleiderständer ist. Da hat dann er im einfachsten Fall was nicht verstanden: der Diakon repräsentiert den dienenden Christus. Und wenn er, oder auch andere Pastorale Mitarbeiter, Liturgische Dienste oder gar Gemeindemitglieder diesen Dienst für überflüssig halten, dann ist er und sie alle noch schlimmer dran als Petrus. Dieser wollte sich aus Demut nicht dienen lassen, der Priester will sich aus Überlegenheit nicht dienen lassen? Wenn er den Diakon abweist oder gar wegschickt, schickt er den dienenden Christus weg. Und von wegen liturgischer Kleiderständer: bei mir hat man sich schon bedankt, weil ich in einem unruhigen Gottesdienst so ruhig geblieben bin und damit für manches Gemeindemitglied dann der Ruhepol war, welcher ihnen ermöglichte manches unerträgliche in unseren so "verkasperten" Gottesdiensten zu ertragen. Mit diesen Gedanken rede ich aber nicht nur den Priestern und Bischöfen oder auch manchen Gemeindegliedern ins Gewissen sondern auch manchem meiner Mitbrüder im Diakonenamt: Nehmt euch und euren Dienst ernst, selbst wenn Ihr nichts tut, dann tut dies mit geistlicher Haltung. Und die liest man ab an eurer Körperhaltung und Körpersprache, an eurem Gewand und eurer Stola. Achtet auf all dies, denn es wird sehr wohl von manchen Gemeindegliedern wahr genommen.

Diakon - Liturgischer Kleiderständer I

Strahle Ruhe aus, strahle Heiligkeit aus, strahle Erdung aus. Strahle Gegenüber aus. Strahle Verbundenheit aus. Strahle Konzentration aus. Deshalb achte darauf wie Du stehst: gerade, nicht in der Gegend herumschweifend, die Hände unter den Ärmeln verborgen oder zur Schale locker ineinander gelegt, Auf deinem Gesicht ein leises, ja stilles Lächeln wenn Du anderen begegnest, Einen konzentrierten Blick wenn Du als Diakon handelst. Den Blick nur auf das Evangeliar wenn du es verkündest, Den Blick zur Gemeinde wenn Du zu ihr predigst. Dein Gewand ist das Gewand Christi, darum soll es edel sein und nicht einfach nur praktisch. Deine Stola ist dein Amtszeichen, sie soll keine liturgische Litfaßsäule mit allerlei bunten Bildchen sein, sondern schlicht - und vor allem soll sie locker passen und nicht wie eine zu enge Hose dich unter den Achseln umgürten ...