Leserbriefe

Angst-Christen

Es geht die Angst um vor muslimischen Flüchtlingen und der damit fortschreitenden Islamisierung Deutschlands bzw. Europas. Was mir Angst macht, ist genau diese Angst – und das, was diese Angst auslöst, nämlich die Tatsache, dass der Großteil der BürgerInnen Deutschlands und auch Europas bezgl. Religion und Glaube keine Position, kein Profil und kein Fundament mehr haben. "Wir" sind keine Christen mehr weil wir theologisch nichts mehr entgegen zu setzen haben, weil "wir" theologisch/religiös inzwischen unterentwickelt sind. "Wir" sind keine Christen mehr, weil wir aus Angst Andersgläubige trotz deren großer Not im Stich lassen und weil wir Angst vor ihnen haben. Wo ist der Mut der Christen hin, sich auf solche Herausforderungen einzulassen? Das ist die eigentliche "Bedrohung" des christlichen Abendlandes: das es nämlich schon längst nicht mehr christlich ist! Vielleicht liegt in der Flüchtlingsproblematik sogar eine Chance, dass wir uns angesichts dieser Herausforderung wieder zum Glauben hinwenden, weil wir uns entscheiden müssen, ob wir den Verfolgten helfen und weil wir vielleicht wieder Mut finden, zu unserem Glauben zu stehen und ihn bekennen und uns selbstbewusst aber mit Respekt und Kompetenz den anderen Religionen im Dialog stellen. Wäre nicht gerade die Hilfe Europas ein Ausweis, dass der Christliche Glaube ein wahrer Glaube ist und ein christliches Europa eine bessere Alternative zu allen gottlosen „Gottesstaaten"? Dieser Gedanke wurde auch als Leserbrief im Katholischen Sonntagsblatt Nr. 43 (für die Diözese Rottenburg-Stuttgart) als Reaktion auf dortige Leserbriefe veröffentlicht.

Leserbrief zum Klartext „Leiser Alarm“ in Katholisches Sonntagsblatt Nr. 34 • 25. August 2013

Vielen Dank für diesen Klartext, für die Aufmerksamkeit zu diesem Thema! Alles was hier gesagt wird, kann ich unterstreichen! Nur eins will ich noch anmerken: Die Qualität in der Pflege wird [vor allem] kaum allein dadurch verbessert, dass man sie mit fragwürdigen Messinstrumenten prüft, oder dadurch, dass Angehörige aufmerksamer werden, sondern wenn man auch bereit ist, die Voraussetzungen, die Ressourcen für Qualität zu schaffen, wenn man bereit ist, in Qualität zu investieren. Wie viel steckt denn zum Beispiel ein Autohersteller in die Entwicklung aber auch in die Ressourcen seiner Mitarbeiter um hochqualitative und sichere Autos zu bauen? Jeder sieht hier sofort die notwendigen Zusammenhänge und befürwortet die notwendigen Investitionen. Jeder, der [Wer] ein gutes Auto will, ist auch bereit dafür den Preis zu zahlen. Was aber ist mit der Pflege? Reformen bleiben in Schubladen, gerechte Löhne werden hart be- oder umkämpft. Die soziale Ader, die Aufopferungsbereitschaft der Pflegenden wird bis aufs Blut ausgenutzt. Menschen, die man sonst nirgends mehr auf dem Arbeitsmarkt haben will, werden in die Pflegeberufe gedrängt – egal ob motiviert und geeignet oder nicht (paradoxer Weise will man aber die Pflegefachkräfte akademisieren!). Viele verdienen mit einem Vollzeitjob kaum genug zum Leben, viele haben notgedrungen mehrere sich teils gegenseitig behindernde Teilzeitjobs um sich über Wasser halten zu können. Das alles bei einer fast nicht mehr auszuhaltenden Arbeitsbelastung! Wir in der Pflege sind schon lange „Bahnhof Mainz“. Wenn sich hier nicht bald etwas ändert, dann wird es eine Katastrophe geben, neben der die Bahnhofstragödie nur wie eine Komödie erscheint. Und diese Katastrophe ist dann nicht mit dem Ende der Urlaubszeit behoben. Nein, weil dann nämlich auch die stärksten Pflegekräfte nicht mehr alles auffangen können. Dann wird die ganze Pflege wie in einer unaufhaltbaren Kettenreaktion, wie ein Kartenhaus zusammenbrechen und es wird nichts mehr übrig bleiben weil dann niemand (NIEMAND!) mehr da ist, der die Arbeit weiter macht. Aber auch dann wird sich höchstwahrscheinlich niemand wirklich für die wahren Gründe interessieren sondern die Schuld wieder mal nur bei den Pflegekräften suchen. Denn die sind es ja, die die falschen Medikamente geben haben, die einen Bewohner vergessen haben, etc. etc. Dass diese Fehler Menschen passieren, die alle mal hoch motiviert in diese Pflegeberufe gestartet sind, nun aber vor lauter Not nicht mehr wissen, was sie denn als nächstes tun sollen um noch schlimmeres zu verhindern, dass dies Menschen passiert, die nicht mehr wissen wo ihnen der Kopf steht, die zuhause noch im Schlaf, in ihren Träumen weiterarbeiten und nacharbeiten was sie im Wachzustand nicht mehr fertig gebracht haben, das will niemand wissen! Ich wünsche mir, dass unsere Kirchen statt sich um sich selbst zu drehen, endlich ihre gesellschaftliche, christliche und auch arbeitgeberische Verantwortung wahrnehmen und hier schnellstmöglich aktiv werden und dieses Thema in Gesellschaft und Politik mit unerbittlichem Nachdruck auf den Tisch bringen. Diakon Harald Sittart, Pflegedienstleiter in einem Pflegeheim. Anmerkung: Veröffentlicht in: Katholisches Sonntagsblatt Nr. 36 • 8. September 2013 Kursiv und grau gedruckt: von der Redaktion gekürzt, in []-Klammern gesetztes: von der Redaktion hinzugefügt.